„Bullen müssen heute draußen bleiben“: Vor dem Pokalspiel gegen RB Leipzig haben Unbekannte an der Hafenstraße die Tore zum Gästeblock mit Beton verbunden. Am Abend legte die Westtribüne mit Spruchbändern nach, gegen die Dosen und gegen den eigenen Vorstand.
Beton statt Drehkreuz
Nacht zum Dienstag, Stadion an der Hafenstraße. Als die ersten Mitarbeiter am Morgen am Gästeeingang ankommen, stehen sie vor einer Wand. Die beiden Tore zum Gästeblock sind mit Beton verbunden, eingefasst in einen Holzrahmen, kein Flügel bewegt sich mehr. Darüber die Botschaft an die Gäste aus Leipzig: „Bullen müssen heute draußen bleiben“. Am Torpfosten kleben Zettel in Edding-Schrift: „Anti RB“ und noch einmal derselbe Satz.

Stadt und Verein rücken mit schwerem Gerät an, gegen 10 Uhr ist das Tor wieder frei. Kostenpunkt laut RB Live: eine vierstellige Summe, die an RWE als Gastgeber hängen bleibt. Wer dahintersteckt, ist offen. Die Bild tippt auf „einige RWE-Ultras“, bestätigt hat das niemand. Vom Verein gab es bis zum Anpfiff kein Wort dazu.
Eine Mauer, die keiner gebraucht hätte
Die Pointe der Aktion: Viel abzuriegeln gab es ohnehin nicht. RB rechnete selbst nur mit rund 550 Mitreisenden, der Stehplatzbereich des Gästeblocks G3 war mangels Nachfrage längst an Essener verkauft. 25.000 im ausverkauften Stadion, davon ein paar Hundert in Leipzig-Farben. Dazu hatte RWE am Montag selbst angekündigt, dass Gästefans der Zugang zu den Heimbereichen auch mit gültiger Karte verwehrt wird. Die Kurve hat die Ansage über Nacht wörtlich genommen.
Dass es ausgerechnet RB trifft, ist kein Zufall. Schon beim Pokalduell 2024 hing an der Hafenstraße ein Spruchband gegen das Konstrukt aus Leipzig, in Essen ist die Haltung zu RB seit Jahren eindeutig. Diesmal war der Fanszene ein Transparent offenbar zu wenig.
Spruchbänder: gegen RB und gegen den eigenen Vorstand
Auch auf den Rängen blieb es nicht beim Beton. Die Westtribüne zeigte am Abend gleich mehrere Spruchbänder, eines in Richtung Gästeblock, eines in Richtung Vereinsführung.
Der Protest gegen den eigenen Vorstand kommt nicht aus dem Nichts. Wenige Stunden vor dem Anpfiff hatte die Westtribüne ein Flugblatt veröffentlicht, Überschrift: „Vereinsleben erhalten! Tradition bewahren!“. Die Fanszene erkennt darin die sportliche und wirtschaftliche Entwicklung des Vereins ausdrücklich an, wirft dem Vorstand aber fehlendes „Fingerspitzengefühl und Empathie“ vor. Konkret geht es um den Umgang mit dem Fanprojekt, dessen traditioneller Hüttenabend unter neuem Namen an anderer Stelle neu aufgelegt wurde, um „versuchte Einflussnahme“ auf vereinsnahe Medien und Mitglieder und um eine aus Sicht der Kurve überzogene Durchsetzung der Markenrechte gegenüber der aktiven Fanszene. Die Botschaft an den Vorstand: Ein e. V. lebt von seinen Mitgliedern und Ehrenamtlichen, nicht nur von der Bilanz.
Essen bleibt Essen
Zehn Jahre nach dem Aufstieg von RB in die Bundesliga ist die Ablehnung in den Kurven nicht kleiner geworden, sie hat nur neue Formen gefunden. Während der DFB in derselben Woche Kaiserslautern und Waldhof Mannheim mit insgesamt 400.000 Euro und Teilausschlüssen belegt, zeigt die Hafenstraße, dass ein Pokalabend gegen RB ohne Protest in Essen nicht zu haben ist. Für die Rechnung vom Abriss wird sich die Kurve am Ende vermutlich selbst was einfallen lassen müssen. Gegen RB. Immer.
Quellen
- t-online: Gästebereich in Essen vor Duell mit RB Leipzig einbetoniert
- t-online Essen: Skurrile Betonaktion vor RWE-Spiel gegen Leipzig
- RB Live: Zugang für RB-Fans in Essen zugemauert
- WDR/Sportschau: Fans von Rot-Weiss Essen betonieren Gästeblock zu
- Faszination Fankurve: Vorschau auf die 2. Runde des DFB-Pokals
- Freaks Essen Ultras: Flyer der Westtribüne zur aktuellen Situation im Verein