Seit dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Tschechien (1:2) sind die "Krawalle" der mitgereisten Fans das beherrschende Thema der Medien. Einige wenige Fans störten die Schweigeminute für zwei tschechische Funktionäre und die Nationalhymnen mit "Scheiß DFB"-Rufen. Außerdem soll es neben den Schmähgesängen gegen Timo Werner auch zu vereinzelten "Heil"- Rufen zwischen dem seit über 30 Jahren gängigen "Sieg"-Klatschens (auf den Gewinn des Spiels bezogen) gekommen sein. Nach den Videoauswertungen konnten tatsächlich vereinzelte "Heil" Rufe wahrgenommen werden (wofür man allerdings fast ein Hörgerät benötigte), die geschätzt von einer Hand voll Deutschen ausgingen. Nachdem "Die Mannschaft" den Gang in die Kurve aufgrund der "rechten Parolen" und Beleidigungen gegenüber Torschützen Timo Werner verweigerte und Spieler wie Mats Hummels oder Julian Brandt die Fans öffentlich kritisiert haben, begann die Hetzjagd der Medien. Von Krawallen, Chaoten, Randalierern und dem „Bodensatz der deutschen Gesellschaft“ war nun die Rede, dabei gab es am Freitagabend nach Angaben der Prager Polizei keinen einzigen Verletzten. Vor allem wird unterschlagen, was beim DFB und der Nationalmannschaft schief läuft:
Bei der Nationalmannschaft wird zunehmend deutlich, welche Sicht der DFB auf die Fans hat. Der DFB sieht die Fans als zahlende Kunden, die beim Event Fußball teilhaben sollen und möglichst viel Geld mitbringen sollen, dabei aber möglichst unkritisch alle Maßregelungen des Verbands hinnehmen sollen. Mit dem Slogan "Die Mannschaft" wird weiter an der Marketing-Schraube gedreht, womit die Absatzzahlen der Trikots und der Markenwert gesteigert werden sollen.

Für das Produkt Nationalmannschaft muss der Fan tief in die Tasche greifen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Spiele des DFB-Teams nicht mehr restlos ausverkauft sind und auch die Atmosphäre im Stadion zu wünschen übrig lässt. Beim Spiel Deutschland - Italien (29.03.2016) musste das DFB-Maskottchen die Event-Fans zu LaOlas animieren, um das Publikum zusätzlich zu unterhalten.
Es stellt sich die Frage, wer bei den Länderspielen für Stimmung sorgen könnte: Der Fanclub Nationalmannschaft - sponsored by Coca-Cola? Oder doch die bösen Ultras, gegen die der Verband seit Jahren ankämpft? Nach den Entwicklungen im Sommer 2017 scheint dies ausgeschlossen. Das sogenannte Entgegenkommen des DFB, auf Kollektivstrafen zu verzichten, was nach allgemeinem Rechtsverständnis selbstverständlich sein müsste, ist in seiner Scheinheiligkeit aufgeflogen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Fans ihre Kritik (Sportgerichtsbarkeit / Strafenpolitik, Anstosszeiten, Kommerzialisierung, korrupte Funktionäre, Betrugsfall Sommermärchen) am Verband auch bei den Spielen der Nationalmannschaft zum Ausdruck bringen.
Durch die Vorfälle in Prag geht diese Kritik jedoch komplett unter. Stattdessen ruft man das Stuttgarter Publikum dazu auf, sich fair zu verhalten und sich als die "wahren Fans der Nationalmannschaft" zu präsentieren. Es wird versucht, einen Keil zwischen die Fans zu treiben- DFB-Protestanten sollen als "Bodensatz der Gesellschaft" wahrgenommen werden, damit die wachsende Anti-DFB-Bewegung an Attraktivität verliert und sich die "guten Fans" distanzieren.
Egal wie sich die Fans heute Abend verhalten, es gibt einen Gewinner: den DFB. Gibt es heute Abend keine Gesänge gegen den DFB und / oder Timo Werner - so wird das Event-Publikum in den Himmel gelobt. Man wird später von einer tollen Atmosphäre im Stadion sprechen und sagen, dass man doch keine Ultras im Stadion braucht. Gibt es allerdings Schmähgesänge, werden die Fans kritisiert. Man wird sagen, dass diese Menschen aus dem Stadion verbannt werden müssen. Dass Protestrufe während einer Schweigeminute unpassend sind und politische Parolen im Stadion nichts zu suchen haben, steht außer Frage. Letztendlich bleibt die Kritik am DFB und der Nationalmannschaft ungehört. Der Fußball entfremdet sich weiter von seiner Basis und der gemeine Fan wird weiter ausgebeutet werden. Dies bleibt jedoch für die Medien uninteressant, solange man pöbelnde Krawallmacher und asoziale Fußballfans in die Pfanne hauen kann.